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Women on Fire III: Eine flexible Frau

„Ich habe nichts, wovon ich sagen möchte, es sei mein eigen. Mein Geschäft auf Erden ist aus. Ich bin voll Willens an die Arbeit gegangen, habe geblutet darüber, und die Welt um keinen Pfenning reicher gemacht. Ruhmlos und einsam kehr‘ ich zurück und wandre durch mein Vaterland, das, wie ein Totengarten, weit umher liegt, und mich erwartet vielleicht das Messer des Jägers.“

Die Protagonistin des Films Greta M. rezitiert diesn Gedanken von Hölderlin im Film. Greta M. ist arbeitslos. Sie ist alleinerziehend. Sie trinkt. Sie sucht – sie will, aber mehr und mehr steht sie alleine. Das Stigma der Nichtarbeitenden in einer Stadt, die sich nurmehr definiert über das hohe Gut der Arbeit, die eigentlich immer mit einer fröhlich zu leistenden Kreativität einhergeht. Nicht zu arbeiten geht nicht, nicht kreativ zu sein auch nicht und kein Geld zu haben ist ein No Go.

Die prekäre Lebenssituation von Greta M. steht exemplarisch für viele – nicht nur in Berlin: Frauen sind es, die immer noch 1/4 weniger des Geldes verdienen wie ihre männlichen Kollegen. Es ist müßig darüber zu sprechen. Es ist notwendig Kurse zu veranstalten, die den Selbstwert steigern und spielerisch mit der Frage nach dem eigenen Mehrwert umgehen. Es ist notwendig, endlich Stellen für Frauen freizugeben, die nicht im unteren Preisniveau liegen- inhaltlich und formal. Wenn es jetzt aktuell darum geht, die neue Leitungsposition der DFFB, der Deutschen Film- und Fernsehakademie zu besetzen, dann muß diese Stelle an eine Frau zu vergeben. Sie kann gar nicht an einen Mann vergeben werden, weil laut Staatsvertrag der Anteil von Frauen in höheren Positionen gefördert werden muß. Na bitte, dann jetzt – wann sonst. Die Leitung einer Filmschule durch eine Frau wäre einzigartig in der Republik und hätte Ausstrahlungsqualität- die Besetzung mit einer Frau, vielleicht ja endlich mit Prof. Sophie Maintigneux, die sich erneut beworben hat, wäre mehr als wichtig. Nur so, können endlich Filme und Menschen eingeladen werden, die im normalen Rollen – und Vermittlungsverständnis nicht vorkommen. Diese Einladungspolitik ist entscheidend, damit eine Generation von Frauen und Männern verstehen kann, daß das Narrativ im vor allem fiktionalen Bereich auch anders gelesen und umgesetzt werden kann.

DIE FLEXIBLE FRAU, erster Teil von Turanskyjs Trilogie zu FRAUEN UND ARBEIT, bewegt sich im Spannungsfeld eines Berlins, daß im 21. Jahrhundert angekommen ist, wie die Regisseurin Tatjana Turanskyj sagt, einem Berlin zwischen Funktionalität und Romantik. Einer sogenannten professionellen Technik und Umsetzung verweigert sich Tatjana Turansky nicht, sondern erweitert das realistische Narrativ um den komplexen Handlungsraums des Theaters und der Bühne. Die Stilisierung der Realität erlaubt ganz andere Denkräume zu erfassen- selber erfasst zu werden, ohne sentimental werden zu müssen. Die Verquickung dieser Spielräume sprengt sie in im zweiten Teil Ihrer Trilogie. In TOP GIRL oder la déformation professionelle, der im kommenden Januar ins Kino kommen wird, gibt sie nicht einmal mehr vor, einem Realismus nahe kommen zu wollen – alles ist hyperrealistisch und wenn sich Julia Hummer in die Hand spuckt, um den Dildo geschmeidig zu machen, dem sie ihren Kunden gleich in den Anus führen wird, dann tut das nicht weh, sondern ist Befreiung von allen Vorstellungen, die die Sexarbeit seit vielen vielen Jahren begleiten und in zu vielen Filmen mantramäßig wiederholt wird, ohne auch nur im Ansatz nahe kommen zu wollen. Zum Ende überwacht Julia Hummer, Königin der Nacht, die Szene, die längst jede Reailtät im Heute überholt hat.

Tatjana Turanskyj gehört zu den spannendesten deutschen Regisseurinnnen der bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Zur Zeit dreht sie den dritten Teil ihrer Trilogie.

15.11.2015 · Golem, Hamburg · mehr · watch