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Women on Fire VII: Top Girl oder la déformation professionnelle von Tatjana Turanskyj

Der zweite Teil der Trilogie von Tatjana Turanskyj. Nach EINE FLEXIBLE FRAU ist sie nun zum zweiten Mal bei WOMEN ON FIRE zu Gast. Top Girl oder la déformation professionelle hatte bei der 64. Berlinale im Forum seine Premiere gefeiert. Die ZEIT schreibt: „Was für Lars von Trier ein kultureller Skandal ist, die Abspaltung des Begehrens von der Liebe, das entsteht bei Turanskyj aus der Ökonomisierung des Intimen, wobei am Ende auch die Lust selbst verschwindet. Kapitalismus macht liebesmüde.“ /Thomas Assheuer/DIE ZEIT)

Und Birgit Kohler vom Forum schreibt: „Helena (Julia Hummer), 29, alleinerziehende Mutter einer elfjährigen Tochter, ist als Schauspielerin nur mäßig erfolgreich und verdient ihren Lebensunterhalt mit Sexarbeit in einem Escort-Service. Zu ihrer Mutter (Susanne Bredehöft), einer Gesangslehrerin, hat sie ein angespanntes Verhältnis. Auch von ihrem Job ist Helena zunehmend genervt. Als sie David (RP Kahl) kennenlernt, bietet sich ihr eine Chance.
Momentaufnahmen einer zeitgenössischen, brüchigen weiblichen Arbeits-Biografie, Teil 2: Helena in Latex, Lack, Leder, Netzstrumpfhosen, mit langen Wimpern und Sexspielzeug bei der Arbeit. Männliche Kunden mit diversen sexuellen Vorlieben. Ein Casting, bei dem sie eine “notgeile“ Frau spielt. Ein postfeministischer Vortrag zu Körper, Alter, Schönheitsoperationen. Und immer wieder: Sex als Performance. Ökonomisierte Beziehungen. Körper-Bilder im Diskurs. Die Mutter steht für eine Zeit, in der “weibliche Selbstverwirklichung“ noch anders buchstabiert wurde. Die kleine Tochter sagt ein Gedicht von Heine auf. Schließlich denkt Helena sich eine neue sexuelle Dienstleistung aus, und als die Jagd beendet ist, die Frauen erlegt sind, die Männer triumphieren, steht sie da, streng, schön und unerbittlich. Wie eine absolute Herrscherin.“

Tatjana Turanskyj dekonstruiert das viel zu oft romantisch verklärte Arbeitsfeld der Prostitution. Es wird konkret und haptisch. Spürbar. Wenn Julia Hummer sich in die Hände spuckt und RP Kahl als Freier ihr seinen Arsch zuwendet, damit er bekommt, was er will und sie ihm gibt, was er will – dann überschreitet Tatjana Turanskyi in ihrer Inszenierung Grenzen, die lange schon überfällig waren. Ihr Film ist wie schon EINE FLEXIBLE FRAU angesiedelt an der Schnittstelle zwischen Theater und Film. Indem sie die Stärken beider Inszenierungen verknüpft, schafft sie einen neuen Zugang zu der alten Frage von Frau, Arbeit und Macht. Julia Hummer und RP Kahl spielen sie grandios – diese Menschen – mitten in der Mitte vom gesellschaftlichen Leben. Sex ist Performance; vor allem aber auch konkret. Und noch konkreter wenn Geld eine Rolle spielt.

Nach dem Film steht Tatjana Turanskyj für ein längeres Künstlergespräch zur Verfügung.

10.04.2015 · Golem, Hamburg · mehr