2016_Personal Research on Personal Matters

  

Eine Reise durch die deutsche Seele(N)/LANDSCHAFT.
4 Filmprogramme anlässlich der 15. Deutschen Filmwoche des Goethe-Instituts Mexiko · Programm

„Knappheit, Authentizität, Andockfähigkeit und Zusammenhang, die Tugenden des Kurzfilms…Die kurzen Formate sind … das, was der Schmuggler im Alltag als kürzeste Verbindung braucht.“ ( A. Kluge)

1995 publiziert Tracey Emin ihr Video WHY I NEVER BECAME A DANCER und erzählt darin von ihrer Jugend und der Sehnsucht. Zwischen Musikvideos & fiktionalen Stoffen, zwischen Vorstädten und Polizeistationen, wo verortet sich die Jugend von Mitte der 1990er – bis heute?

Gestern die Berliner Schule & heute? Was erzählt Deutschlands Jugend? Und wie erzählt sie es. In den 1990ern gab es, und gerade als Studierender, eine strenge Begrenzung des Materials. Diese Begrenzung hat, wie so oft, die künstlerische Form verstärkt, dem Film die Form erst gegeben. RAKETE ist mit genau einer Rolle 16mm, die 10’ bedeuten, gedreht worden. Jan Peters hatte es sich zur Aufgabe gemacht, immer eine Rolle Super8, die 3’ entsprechen, für die Feier seines Tages zu drehen. Bei DIE RUHE BLEIBT führt wieder Patrick Ort die Kamera. Wie bei RAKETE interessiert ihn die Möglichkeit, der Erzählung allen Platz zu geben – innerhalb der damals noch gebenenen Begrenzung der Filmrolle: 12’ Material. Im Vergleich zu einem Heute, einem Leben in HD, ist dem Filmmaterial eine gewisse Unschärfe inhärent. Diese Unschärfe ist Teil des Eintritts in die andere Welt. Von heute aus betrachtet und praktiziert, in der Möglichkeit, frei zu sein von der Begrenzung, liegt die Chance, Bilder zu finden, die sonst womöglich der Produktionsweise geschuldet keine Möglichkeit hätten, gesehen zu werden. Und in diesen neuen Bildern und der Montage ist ein Blick auf eine Jugend möglich, die jenseits von Facebook wahnsinnig frei und verletzlich die Nacht durchtanzt: Ulrich Köhlers RAKETE & Paul Spengemanns PHILOSOPHIEREN. Wenn es in RAKETE noch eine klare Anordnung von einem Beziehungsmuster gibt, das durchbrochen wird, dann ist es in PHILOSOPHIEREN nur mehr eine Anordnung von Freunden, die das Haus & die Orte durch die Nacht bringen. Alle Anklänge von Beziehungen bilden sich visuell ab, Anfang wie Ende stehen als Solitäre da.
Es sind die Raketen, die in die Luft gejagt werden, die den Rahmen für die filmische Landschaft geben. Helene Hegemann ist 16 Jahre alt, als sie sich mit TORPEDO an den Filmhimmel katapultiert – um sie herum – die anderen beiden Raketen, die in den Himmel steigen und damit den Rahmen für die Programme geben: Zwischen diesen beiden Filmen liegen fast 20 Jahre und viele Ichs. Als das Ende der Geschichte Anfang der 1990er von Fukushima verkündet wird, sind seine Gedanken eine direkte Reaktion auf den Zusammenbruch des Ostens. Diese so grundlegende Veränderung hatte Auswirkungen auf Alles.
Das Ich im Kurzfilm ist immer wieder Bühne und Arena für den Widerstand – gegenüber sich selber, der Geschichte und Handlung. Unkonventionelle Blickwinckel befreien den Körper. Die Geschichte bleibt. Wie sich verhalten- was tun? TROTZDEM DANKE! als künstlerische Intervention im Berliner Straßenalltag – kein Geld zu wollen für eine Aktion ist das Gegenteil vo Fukushimas These. Die Logik des Kapitalismus hat uns komplett umfasst. CASTING JESUS CHRIST ist die Konsequenz, denn Jesus brauchte nichts – was brauchen eigentlich wir? DIE RUHE BLEIBT – heißt es am Filmset und der Praktikant steht exemplarisch für eine Jugend, nicht nur in Deutschland – im Gegenteil – deren Perspektiven, innerhalb Europas, sehr sehr geschrumpft sind.
Die Vorstädte sind Reflexionsfläche vieler Filme. Das Leben der Bohème einer entfernten Zukunft vorbehalten. Diese Vorstädte, die in einer Ordnung stehen, die direkt zurückverweisen auf die Familiengeschichten: im Faschismus gab es ein freiweilliges Einreihen – laut und deutlich – in den 1960ern, als viele dieser Vorstadtsiedlungen in rotem Klinker in die norddeutsche Landschaft gebaut wurden, ging es wieder um ein Einreihen. Diesmal leise und unauffällig. Die Garagentore stehen für den Traum einer Nation – wir sind wieder wer – jetzt werden sie rhythmisch geöffnet und geschlossen.  SENSORAMA-STAR ESCALATOR.
Heute, 2016, ist es schwer, diese Garagen zu finden. Manchmal noch im Ruhrgebiet – ansonsten sind viele dieser Orte den wachsenden Städten gewichen – mehr Wohnungen für den freien Markt! Verkaufen, verkaufen, Spirale des entfesselten Kapitalismus. Der Eigner um die Ecke baut 20 Eigentumswohnungen – würde er 22 Wohnungen bauen, müßte er Sozialwohnungen integrieren. Na dann lieber nicht! Deswegen ist die Fahrt mit dem Fahrrad, die Eigendynamik so wichtig: ICH FAHRE MIT DEM FAHRRAD IN EINER HALBEN STUNDE AN DEN RAND DER ATMOSPHÄRE. Es ist nicht schwierig, die Veränderung zu denken und anzustreben, wir müssen es nur tun. THEORIE IST PRAXIS – war die Grundprämisse für das Denken und Handeln in der BRD bis Mitte der 1970er.
Film ist Praxis – in diesem Sinne: TROTZDEM DANKE!
WIDER DAS SCHRUMPFEN – FÜR DAS ERGREIFEN DER BILDSCHIRME!
WERDET SCHMUGGLER!

I. KOMM ZU MIR ICH KOMM ZU DIR
ALPSEE von Matthias Müller, 1994, 14′
Eine Kindheit in den Sechzigern. Ein Herz schlägt im Schrank. Stimmen regnen auf die Stadt. Ein Baum wächst auf dem Mars. Es ist ein Wunder. Mit ALPSEE taucht Müller in die Welt eines Jungen ein, der in einem sterilen Haushalt der 60er Jahre lebt, wo das Überlaufen eines Glases Milch in der Phantasie des Kindes einer Überflutung der mütterlichen Ordnung gleich kommt.
MEINE FAMILIE & ICH von Sylvie Boisseau, Frank Westermeyer, 1997, 16’
In MEINE FAMILIE UND ICH, einem filmischen Gedankenspiel über Identität, taucht F zum ersten Mal auf. Der Prozess der Identitätsstiftung wird als Lebenslauf dargestellt, der erst dann zum eigenen wird, wenn man ihn im Hinblick auf die alternativen Möglichkeiten betrachtet. Daraus ergibt sich die Fragestellung: „Was wäre, wenn ich der Sohn anderer Eltern wäre?“ Frank Westermeyer ist als Einzelkind verschiedener Familien aus Wanne-Eickel zu sehen (die alle aus seinem Bekanntenkreis stammen), was die Vermutung nahe legt, dass Biografie stets die nicht gelebte Biografie meint.
ONE PUSSY SHOW von Anja Czioska, 1998, 6′
…ist ein im Zeitraffer gefilmter trance-artiger Performancefilm, in dem ich meine Kleidersammlung 1988–1989 zu 60s Musik an- und ausziehe.“
RAKETE von Ulrich Köhler, 1998, 10′
“Coffee?” – “Yes”. “Milk?” – “Yes”. “Sugar?” – “No”. Die letzten Gäste verlassen die Party. Noch zehn Minuten bis zum Morgengrauen. Die letzten Minuten einer Party, wenn eigentlich alles und nichts geredet, alles und nichts für die Zukunft entschieden worden ist. Die, die noch da  sind, haben das Gefühl, sie hätten längst gehen sollen, die, die schon gegangen sind, meinen, sie hätten vielleicht doch etwas verpaßt.
ICH BIN 33 von Jan Peters, 2000, 3′
Seit 1990 stellt sich Jan Peters einmal jährlich vor seine Super8 Kamera und nimmt auf genau einer Rolle Super8-Film (ca. 3 Minuten) eine persönliche Bestandsaufnahme seines Lebens auf. Am 11.08.1999 hat er sich wieder für die Länge genau einer Rolle vor die laufende Kamera gestellt und eine Bestandsaufnahme des vergangenen Jahres aufgezeichnet als ihm plötzlich die Sonnenfinsternis dazwischen kommt. Das Leben hat eben Licht- und Schattenseiten, besonders wenn man versucht, gegen ein Naturereignis anzureden.
SENSORAMA-STAR ESCALATOR von Michael Klöfkorn, Oliver Husain, 1998, 5′
NICHT AUF DEN MUND von Katinka Feistl, 1999, 12′
Sie laufen durch die Orte, sie erzählt ihm sexy Geschcihten. Alles geht – nicht auf den Mund.
VON DER HINGABE von Maike Mia Höhne, 2002, 12′
Ob es sich um eine Langzeitbeziehung, eine Affaire oder einen One-Night-Stand handelt bleibt offen. Beide sind dazu gezwungen sich über ihre Gefühle klar zu werden.

II. MACHEN!
FLIMMERN von Ted Gaier  & Deborah Schamoni,  2001, 3′
TORPEDO von Helene Hegemann, 2008, 42′
Mia ist fünfzehn und schwer traumatisiert. Nach dem Tod ihrer Mutter zieht sie zu ihrer Tante Cleo und wird in die linke Kulturszene Berlins katapultiert. Jenseits von geregelten Familienverhältnissen versucht sie sich in einer Erwachsenenwelt zu etablieren, die skurriler ist, als es die Jugend je für möglich gehalten hätte.
EURE KINDER WERDEN SO WIE WIR von Andree Korpys und Markus Löffler, 2008, 27′
In der Nacht zum 14. November 2006 fährt ein Castor-Transport zum Zwischenlager Gorleben. Einige Atomkraftgegner protestieren auf den Straßen. Ihnen steht ein Großaufgebot der Polizei gegenüber. Auch im Mai 2007, beim Treffen der G-8-Staaten in Heiligendamm, sind die Demonstranten mit einem enormen Polizeiaufgebot konfrontiert. Andree Korpys und Markus Löffler haben die beiden Ereignisse dokumentiert. Auf den Straßen protestiert eine kleine Schar von Atomkraftgegnern in ritualisierten Sitzblockaden gegen den Transport. Ein Großaufgebot Polizei patrouilliert in den Wäldern und Wiesen der Elblandschaft, die teilweise in gleißendes Scheinwerferlicht gehüllt ist. Im Mai 2007 findet das Treffen der G-8-Staaten im Ostseebad Heiligendamm statt – hinter einem 13 Kilometer langen Metallzaun, der die Demonstranten fernhält. Auch dort steht ein enormes technisches und personelles Aufgebot von Polizei und Militär einer Gruppe von zumeist jugendlichen Menschen gegenüber, die sich mit dem identifizieren, was sie für Friedlichkeit und Naturverbundenheit halten.

INSTALLATION
CASTING JESUS CHRIST von Christian Jankowski,  2008, 60′
Eine Castingshow im Vatikan, um den idealen Jesus zu finden.

III. WIDER IM SYSTEM & AN DEN RÄNDERN
ICH FAHRE MIT DEM FAHRRAD IN EINER HALBEN STUNDE AN DEN RAND DER ATHMOSPHÄRE von Michael Klöfkorn, 2010,10′
Ich versuche, die Gesellschaft zu verstehen. Ich versuche, die Ökonomie zu verstehen. Ich versuche, die Nation, den Militarismus, die Geschichte zu verstehen. Ich fahre mit dem Fahrrad in einer halben Stunde an den Rand der Atmosphäre – es sind nur 14 Kilometer.
EGOEXPRESS ARANDA von Timo Schierhorn, 2005, 3′
ZWISCHEN VIER UND SECHS von Corinna Schnitt, 1998, 6′
Die täglichen Rituale einer idyllischen Kindheit finden sonntags eine ganz besondere Fortsetzung in dem gemeinschaftlichen Putzen von Straßenschildern: „Es ist schön, wenn es etwas gibt, was eine Familie auch verbindet, eine gemeinsame Unternehmung, und ich bin einfach froh, dass sich das bei uns von ganz allein ergeben.“
SUPERSMILE von Effie Wu, 2007, 5′
Die Projektion zeigt eine junge Frau, die Künstlerin selbst, die sich durch eine Wohnung bewegt. Der Bildausschnitt ist auf ihr Gesicht konzentriert, das mit eingefrorenem Lächeln und starrem Blick eine fast schon hypnotische Wirkung ausstrahlt. Die Kamera folgt jeder ihrer Bewegungen als ob sie vom Blick der Frau magisch angezogen wäre. Aber auch die Frau hält den Blickkontakt. Irgendwo im Nichts, in einem Land, dessen Sprache er nicht mal spricht?
DIE LEIDEN DES HERRN KARPF – DER GEBURTSTAG von Lola Randl, Rainer Egger, 2007, 11′
Herr Karpf hat Geburtstag und keiner ruft an.
DAS OFFENBARE GEHEIMNIS von Eva Könnemann, 2015, 30′
Auf Wikipedia steht über Emmelsum, es habe circa 300 Einwohner, sei nie selbstständig gewesen und weise keine besonderen Sehenswürdigkeiten auf. Die Webseite des Ortes selbst vermeldet schlicht: Über Emmelsum lässt sich nicht allzu viel sagen. Der Film versucht, diesen Ort zu porträtieren.
TROTZDEM DANKE von Wermke/Leinkauf, 2006, 8′
Willkommen in der Dienstleistungsgesellschaft. Im hektischen Alltag des Berliner öffentlichen Nahverkehrs bietet ein junger Mann seine Dienste an. Er säubert die Fensterscheiben von S- und U-Bahnen. Doch statt Geld erntet er nur Mißgunst und Frust. Die ach so lässige Hauptstadt von einer ganz anderen Seite.
DIE RUHE BLEIBT von Stefan Kriekhaus, 2007, 14′
Ein Nachmittag am Rande eines großen Filmsets mitten in der französischen Pampa. Ein Praktikant läuft auf Position. Er ist dafür verantwortlich, die Straße abzusperren, wenn gedreht wird und wieder zu öffnen, wenn der Take vorüber ist. Die einzige Verbindung zum Set ist das Walkie Talkie. Langeweile macht sich breit. Die Berge liegen da wie hingegossen. Ein Trecker kommt vom Acker. Der Praktikant dreht sich um die eigene Achse. Die Zeit läuft langsam, und der Zuschauer wartet mit.Die Betrachtung eines Nachmittags ohne Schnitt und Komma.
PHILOSOPHIEREN von Paul Spengemann, 2015, 14′
In der Zerrissenheit zwischen Erwachsenwerden und Jugendlichsein durchlebt eine Gruppe von 16- bis 18-jährigen Freunden ein Wochenende im Ferienhaus der Eltern. Ein Film, der im Hellen beginnt, und in die Dunkelheit einer exzessiven und verstreuten Nacht übergeht, während er sechs Charaktere bei ihrem Gewinn von Erkenntnissen, sowie dem Erleben von Unverständnis und Unsicherheit begleitet.